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Lichtenberger Blutwoche im März 1919 | Das empfehlenswerte historische Buch zum 100. Gedenkjahr

Englischer Beutepanzer MK.IV mit Freikorpssoldaten auf dem Weg zum Alexanderplatz; Foto: DHM

Hundert Jahre nach den revolutionären Umbrüchen in Deutschland, die von den damaligen Zeitgenossen auch schon als Zeitenwende bezeichnet wurden, bietet ein schon im Jahre 2012 erschienenes Buch eine gute Gelegenheit, sich erneut auf der lokalen Berliner Ebene mit diesem epochalen Ereignis auseinanderzusetzen. Der Autor Dietmar Lange, der auch als Kurator der aktuellen Ausstellung im Museum Lichtenberg (Stadthaus) „Schießbefehl für Lichtenberg - das gewaltsame Ende der Revolution 1918/19 in Berlin“ fungiert, beschäftigt sich schon länger wissenschaftlich mit der Geschichte der Arbeiterbewegung und linker Revolutionsphilosophie. Seine Arbeit ist gegliedert in 12 Kapitel, die von einem Anhang mit Abkürzungsverzeichnis und Abbildungsnachweis sowie einer umfangreichen Bibliographie ergänzt werden. Lange weist in seiner Einleitung zurecht darauf hin, dass der Erste Weltkrieg ursprünglich für die sozialen Erschütterungen und ökonomischen Erschütterungen steht, die eine breite Massen- und Streikbewegung in Deutschland zur Folge hatten und von der auch die Reichshauptstadt Berlin betroffen waren.

Der Autor beginnt seine Arbeit im Februar 1919 nach dem gescheiterten Spartakusaufstand und in dem Kontext einer angespannten sozialökonomischen Situation in Berlin, die noch durch die tiefe Spaltung der Arbeiterbewegung und ihrer Parteien sowie ein reales Machtvakuum geprägt war. Er beschreibt den beginnenden Mangel an Lebensmitteln und Rohstoffen sowie eine rasant ansteigende Arbeitslosigkeit in den Berliner Großbetrieben, wo die langsame Umstellung von Kriegs- auf Friedensproduktion die sozialen Spannungen vor allem in den östlichen Stadtbezirken rasant verschärfte. Eine starke Inflation führte auch zu einer Verarmung des Mittelstandes und zu einer Radikalisierung gemäßigter Gesellschaftsschichten, wie des Bürgertums, das sich zunehmend politisch auf die alten Machteliten zu stützen begann, wie des ehemaligen kaiserlichen Militärs und der Großindustriellen sowie Kreisen der elitären Hochfinanz. Dazu kam eine nicht unbegründete Angst der alten Machteliten und der Mehrheitssozialisten (MSPD) vor einem russischen Szenario in Deutschland mit einer Terrorherrschaft der radikalisierten Arbeiter- und Soldatenräte und der Infragestellung der bestehenden Eigentumsverhältnisse. Die tiefe Spaltung der linken Parteien in der Frage der Fortführung der Revolution und der Sozialisierung der Schlüsselindustrie beschreibt der Autor dann auch als eine der Hauptursachen dafür, dass es bei der Regierungsbildung nach den Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 nicht zu einer dauerhaften Verankerung des Rätesystems im Regierungsapparat der „Novemberregierung“ kommen konnte.

Das erste Scheitern eines Versuches der Errichtung einer Rätediktatur im Januar 1919 führte dann zu einer weiteren Radikalisierung in der linken Arbeiterbewegung auch im Reichsgebiet und zu dem Phänomen des Massen- und Generalstreiks im Februar 1919. Die Niederschlagung dieser Streikbewegung durch Freikorps- und Zeitfreiwilligeneinheiten, auf die sich die mehrheitssozialistisch dominierte Regierung in Weimar zunehmend stützte, war dann auch ein wichtiges Signal zur Ausrufung des Generalstreikes in Berlin durch radikale USPD- und KPD-Kräfte im zentralen Vollzugsrat der Arbeiterräte am 3. März 1919. Lange beschreibt die unmittelbaren Folgen der Ausrufung des Generalstreikes für das kommunale Leben in Berlin an vielen Beispielen, bezieht sich insbesondere auf das Verkehrchaos und die einsetzende Anarchie, die sich in der Plünderung zahlreicher Geschäfte und Warenhäuser rund um den Alexanderplatz ebenso äußerte, wie in den beginnenden Kämpfen zwischen der Volksmarinedivision und den paramilitärischen Einheiten aus Sicherheitswehr, Einwohner- und Bürgerwehren sowie Freikorpsverbänden untereinander.

Die Verkündung des verschärften Belagerungszustandes unmittelbar nach Ausrufung des Generalstreiks durch die Regierung in Weimar und die Ausstattung Gustav Noskes mit weitestgehenden Vollmachten zur Wiederherstellung der Ordnung führten dann ebenso zu einer sich verschärfenden Sicherheitslage wie die zahlreichen Erstürmungen von Polizeirevieren und -Wachen im Ostteil der Stadt. Nachdem es am 6. März zum Abbruch des Streikes gekommen war und am gleichen Tage die Regierung ein Gesetz zur Bildung der vorläufigen Reichswehr beschloss, was den Rechtsstatus der Freikorps als alleiniger exekutiver Regierungstruppe befestigte, verlagerten sich der Schwerpunkt der Kämpfe in die Ostberliner Stadtbezirke Friedrichshain und Lichtenberg. Die beginnende Gewaltspirale mündete dann in dem berühmten Schießbefehl des SPD-Reichswehrministers Gustav Noske vom 9. März 1919: „Die zunehmende Grausamkeit und Bestialität der gegen uns kämpfenden Spartakisten zwingen mich zu befehlen: Jede Person, die im Kampf gegen die Regierungstruppen mit der Waffe in der Hand angetroffen wird, ist sofort zu erschießen“.

Dem folgenden Blutbad in Lichtenberg fielen dann bis zum 16. März 1919 zwischen 1.200 und 1.500 Personen zum Opfer, darunter die meisten Zivilisten. Die Rolle der Medien (Presse) mit ihren gezielten Falschmeldungen, im heftig umkämpften Lichtenberg hätten Aufständische 60 Polizisten ermordet, und einer Hysterie, die durch Gerüchte von Provokateuren und kriminellen Elementen noch angefacht wurde, konnte der Autor an vielen interessanten Beispielen auf lokaler Ebene sehr gut darstellen. Nach den Märzereignissen von 1919, die uns auch heute noch Mahnung sein sollten, wie fragil ein gesellschaftlicher Konsens sein kann, wenn Fake News und radikale politische Ansichten die Überhand gewinnen, blieben vom sozialistischen Traum der Räteherrschaft dem Namen nach nur die Betriebsräte in unserem demokratischen Gesellschaftssystem bis heute dauerhaft bestehen.

Auch für den Kulturring in Berlin e.V. sind die Ereignisse vor hundert Jahren Anlass genug, im Rahmen des großen Berliner Geschichtsprojektes „100 Jahre Revolution, Berlin 1918/19“ der Kulturprojekte Berlin GmbH mit einer Vortragsveranstaltung am 18.03.2019 im Studio Bildende Kunst die nur wenig bekannte Rolle der Freikorps- und Zeitfreiwilligenverbände bei der „Säuberung“ von Lichtenberg 1919 im Detail näher zu beleuchten. Bereits am 13. Februar findet um 19 Uhr im Museum Lichtenberg in der Türrschmidtstr. 24 eine Begleitveranstaltung zur Ausstellung „100 Jahre nach dem Schießbefehl für Lichtenberg 1919-2019“ statt, zu der wir hiermit auch herzlich einladen.

Leseempfehlung: Dietmar Lange: „Massenstreik und Schießbefehl Generalstreik und Märzkämpfe in Berlin 1919“ Das Taschenbuch ist erschienen 2012 im Verlag „edition assemblage“ Reihe Lo.go.- Berlin, Band 1, 176 Seiten mit zahlreichen zeitgenössischen Fotografien und Karten zum Preis von 19,80 €.