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Verfolgungsbiografien aus der NS-Zeit erforschen

Nach dem Strafgesetzbuch konnten Transvestiten nicht belangt werden, doch Gestapo und Kriminalpolizei hatten ihre eigenen Methoden der Verfolgung. Foto 1936: Landesarchiv Berlin

Homosexuelle Männer in Frauenkleidern, Transvestiten und Transgender waren von Anfang an Teil der 1997 begonnenen Forschungen im Projekt Rosa Winkel, ihre biografischen Daten sind in den Datenbanken des Kulturrings dokumentiert. In der Ausstellung „Ausgrenzung aus der Volksgemeinschaft – Homosexuellenverfolgung in der NS-Zeit“ und auf der Website rosawinkel.kulturring.berlin ist bis heute jedoch nur eine einzige Biografie, Rudolf Knoll genannt Ruth, zu diesem in der Öffentlichkeit wenig bekannten Thema der Verfolgung durch die Berliner Homosexuellendezernate bei Kripo und Gestapo veröffentlicht worden.

Dies sollte sich ändern, und so lasen Dr. Carola Gerlach, Vorsitzende der AG Rosa Winkel beim Kulturring, und der Autor dieses Beitrags im Juli 2018 mit großem Interesse eine Ausschreibung der Berliner Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung. Ihr Ziel war die Förderung von Mikroprojekten, die der Erforschung, Erinnerung und Sichtbarmachung der Geschichte von LSBTI (Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intersexuelle Menschen) dienen. Antragsberechtigt waren ausschließlich öffentliche und private Institutionen, Vereine sowie fachspezifische Interessengemeinschaften mit Erfahrung und Kompetenz auf dem Gebiet der LSBTI-Forschung und -Erinnerungskultur.

Es war genau das richtige Thema für die AG Rosa Winkel, denn sie konnte nicht nur auf dem Forschungsgebiet der Verfolgung homosexueller Männer mit der fast 60 Tafeln umfassenden Ausstellung und den mehr als 10.000 Datensätzen in der Justizdatenbank erstklassige Referenzen vorweisen, auch die auf rosawinkel.kulturring.berlin publizierten Ergebnisse der Lesben-Forschung finden große Anerkennung.

Also hat sich der Kulturring bei der Senatsdienststelle um die Förderung des Mikroprojekts „Verfolgungsbiografien NS-Zeit erforschen“ mit dem Schwerpunkt Biografien von Transvestiten/Transgender und lesbischen Frauen beworben. Im Oktober fiel dann die Entscheidung – von 11 eingegangen Anträgen konnten lediglich zwei die strengen Anforderungen der Ausschreibung der Senatsstelle erfüllen. Das Team der AG Rosa Winkel vom Kulturring war eines, das den Zuschlag erhielt!

Nach dem viel zu frühen Ableben von Frau Dr. Gerlach, die am 30.09.2018, kurz vor Bekanntgabe der erfreulichen Senatsentscheidung verstarb, entschied sich die AG Rosa Winkel, das Mikroprojekt mit vereinten Kräften in ihrem Sinne zu realisieren. Alle Beteiligten sind sicher, es wäre ihr Herzenswusch gewesen. Dies betraf auch die Übernahme der Leitung der AG Rosa Winkel durch Andreas Pretzel in ihrer Nachfolge. Vor allem für die aktiven Mitglieder der AG Rosa Winkel bedeutete die Umsetzung der Projektvorgaben eine Menge zusätzlicher Arbeit in einem äußerst eng gefassten Zeitrahmen, denn eine Förderbedingung war, dass das Projekt noch im Jahr 2018 abgeschlossen werden musste. Dies betraf insbesondere auch die 15 neu zu recherchierenden und zu schreibenden Biografien von Transvestiten/Transgender und lesbischen Frauen im Nationalsozialismus. Bei der Realisierung der Biografien, recherchiert aus den Polizei- und Justizakten des Landesarchivs Berlin, wurde der Autor tatkräftig von den Projektmitarbeitern*innen Bernd Urbicht (Aktenerfassung und -auswertung), Kathrin Reh (Texterfassung) und Detlef Strunk (HS-Treffpunkte und Adressenrecherche) unterstützt.

Begonnen wurde mit dem Schicksal eines 1907 in Berlin geborenen Transgender, der seine Rolle als Mann nie akzeptierte, schon im Kindesalter Mädchenkleider bevorzugte und den Handarbeitsunterricht besuchte. Von seinen Mitschülern gehänselt, hatte er auch im späteren Berufsleben wegen seiner femininen Art kaum eine Chance, lebte von Wohlfahrtsunterstützung. 1926 erhielt er die Genehmigung vom Justizministerium, seine Frauenkleider auch in der Öffentlichkeit tragen zu dürfen und einen weiblichen Vornamen. Er war nun offiziell eine Frau. 1936 wurde sie von der Gestapo ohne Begründung festgenommen. Die Polizisten schnitten ihr die Haare ab, stecken sie in Männerkleidung und entfernen alle weiblichen Utensilien. Die Genehmigung des Ministeriums und der weibliche Vorname wurden ihr entzogen. Sie erlitt einen Nervenzusammenbruch, musste sich in psychiatrische Behandlung begeben. Ein Jahr später wurde der Transgender von der Gestapo erneut in Frauenkleidung erwischt, per Sammeltransport in das KZ Sachsenhausen überführt, wo er mehrere Monate in Schutzhaft verbrachte. 1938 verurteilte ihn das Berliner Schöffengericht wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses zu zwei Jahren Gefängnis mit anschließender Überführung in die Wittenauer Heilstätten. Dort wurde er im April 1943 erhängt aufgefunden – wahrscheinlich Selbstmord.

Im Klinkerwerk des KZ Sachsenhausen bei Oranienburg wurde im Juli 1972 ein ebenfalls 1907 in Berlin geborener Hausdiener ermordet, weil er sich „in Frauenkleidern mit Damenschmuck und pudiertem Gesicht“ gewerbsmäßig homosexuelle Partner gesucht hatte. Als Beweismittel für die Schuld wurden unter anderem vom Homosexuellendezernat bei einer Wohnungsdurchsuchung beschlagnahmte Fotos des Transvestiten und seiner Partner vorgelegt. Doch die vom Berliner Landgericht verhängte harte Gefängnisstrafe von einem Jahr und sieben Monaten reichte der Kriminalinspektion Vorbeugung der Leitstelle Berlin (KI Vorb. 3) nicht aus, sofort nach Strafverbüßung wurde der Transvestit in Schutzhaft genommen und in das als Todeslager berüchtigte Zwangsarbeitslager des KZ Sachsenhausen transportiert. Er überlebte hier nur anderthalb Monate.

Aber nicht nur männliche Transvestiten bekamen den ganzen Hass der Homosexuellendezernate bei Kriminalpolizei und Gestapo zu spüren. Ein Beispiel war eine 1904 in Berlin geborene Straßenhändlerin mit Vorliebe für Männerkleidung, die bereits in der Kindheit die Sachen ihres Bruders bevorzugte. Mit 18 Jahren hatte sie ihre Liebe zu Frauen entdeckt, doch diese und eine spätere Beziehung endeten tragisch.  Danach lebte sie jahrelang allein, bestritt ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Obst an einer Berliner Straßenecke. Ihre bequeme Männerkleidung und ihr burschikoser Kurzhaarschnitt wurden von den Stammkunden längst akzeptiert, jeder kannte sie als „Kleener“ oder „Dicker“. Als sie im Juni 1939 wegen Verkaufs von Äpfeln an einer unerlaubten Straßenkreuzung angezeigt wird, erkennt sie der mit den Ermittlungen beauftragte Polizist des Polizeiamtes Berlin Mitte als Frau in Männerkleidung und will den „Transvestitenschein“ sehen, den sie nicht hat. Der Bericht über den Vorfall wird der Geheimen Staatspolizei „zur weiteren Bearbeitung übergeben“. Mit geschickten Ausreden und Versprechungen gelang es der Straßenhändlerin, den Gestapobeamten des Dezernats C 3 im Verhör zu beschwichtigen. Doch nun war sie als lesbischer Transvestit im Visier des Homosexuellendezernats. Bei einer erneuten Anzeige im August 1940 wegen unerlaubten Obstverkaufs und ungenehmigten Tragens von Männerkleidung identifizierte sie die Polizei als „Transvestitin, die aus unsittlichen Motiven Männerkleidung trägt“. Die Straßenhändlerin wird in das Homosexuellendezernat der Gestapo am Berliner Alexanderplatz vorgeladen, wie eine Kriminelle behandelt und erkennungsdienstlich fotografiert. Sie wird gezwungen eine Verpflichtungserklärung auf Unterlassung des Tragens von Männerkleidung zu unterschreiben. Bei Zuwiderhandlung droht ihr die Gestapo mit polizeilichen Konsequenzen. Drei Polizeireviere werden mit der Beobachtung der Straßenhändlerin beauftragt. Die Drohungen der Gestapo hatten Erfolg – in den Polizeiakten waren keine weiteren Einträge über die Straßenhändlerin vermerkt.

Schon dieser kleine Einblick in die Ergebnisse der Forschungen ist für die heutige liberale Gesellschaft erschreckend und erschütternd. Die Sichtbarmachung der ersten Biografien – so die Vorgabe des Mikroprojekts – ist für Anfang 2019 auf der Internetseite rosawinkel.kulturring.org vorgesehen. Vom 23. August bis zum 06. September 2019 werden die Biografien in Form einer Ausstellung in der Fotogalerie Friedrichshain am Helsingforser Platz einer breiten Öffentlichkeit präsentiert. Vernissage ist am 22. August 2019, die damit den Abschluss des von Senatsseite aus unterstütztem Projekt zu Erforschung, Erinnerung und Sichtbarmachung der Geschichte von LSBTI einleitet, jedoch nicht den Abschluss der Forschungen des Rosa Winkel-Projekts bedeutet.