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Nicaragua-Wandbild erstrahlt | Zweite Etappe der Restaurierung 2020

Foto: Wandbildinitiative

Wenige Tage vor der „Langen Nacht der Bilder“ wird ein großer Wunsch wahr. Am 29. Juli 2019 fiel der Schleier vom Baugerüst am Giebel des Hauses Skandinavische Straße 26. Über zehn Wochen konservierte ein Team von elf Restaurator*innen unter Leitung von Dunja Rütt und Anke Hirsch in einem komplizierten Verfahren das 19 ­Meter hohe, 13 Meter breite und 34 Jahre alte Wandbild „Nicaraguanisches Dorf – Monimbó 1978“. Der Platz vor dem Wandbild erhielt damit sein Juwel zurück.

Viele Menschen können sich gut an den historischen Moment erinnern, als der Schöpfer des Bildes, der nicaraguanische Meistermaler Manuel García Moia, zweimal nach Deutschland kam, um an der Einweihung der künstlerischen Reproduktion des Gemäldes und ein Jahr später an der Einweihung des „Monimbó-Platz“ am 13. Juni 2006 teilzunehmen. Es war zugleich sein 70. Geburtstag. Seitdem ist viel geschehen: Recherchen über das Wandbild in DDR-Archiven, Erstellung einer Bild-Kopie auf Wärmedämmung und deren dramatischer Absturz, internatio­nale Kontakte wurden aufgebaut, Reisen zum Künstler Moia und seine Werkstatt fanden statt, Jubiläen zum Wandbild wurden seitdem begangen, freundschaftliche Kontakte der Schule am Wilhelmsberg, der Initiative Nicaragua-Wandbild beim Kulturring in Berlin e. V. nach Monimbó und zu den Los Miguelitos entstanden.

13 Jahre später: Die Initiative hat viel unter­nommen, um das Original wiederzubeleben. Das Landesdenkmalamt ließ Restauratorinnen auf einer Musterfläche prüfen, ob das Mural, das Original, restaurierbar ist. Der Test verlief erfolgreich. Die Initiative erstellte ein Finanzierungskonzept und begab sich bundesweit und international auf Sponsorensuche. Auch das Lichtenberger Parlament und die Lichtenberger Bürgerstiftung unterstützten das Projekt Nicaragua-Wandbild. Entscheidend war der Beschluss des Bezirksamtes und der BVV von Berlin-Lichtenberg, rund 50 Prozent der finanziellen Mittel für die Restaurierung im Jahr 2019 bereitzustellen. Auf dieser Grundlage konnten am 2. Mai die Konservierungsarbeiten beginnen. Auf zehn Gerüstetagen leisteten die Restaurator­innen filigrane Facharbeit. Vorsichtig befreiten sie das Gemälde Meter für Meter mit feinen Instrumenten vom Klebemörtel. Dieser Restbestand von Wärmedämmplatten haftete noch fest auf der Oberfläche. Die Phase war problematisch, verlief jedoch erfolgreich. Bei oft großer Hitze auf dem Gerüst folgte die Reinigung der vollständig freigelegten Oberfläche, die Trocknung und Verfestigung mit einer Dispersion. Putzbereiche, die sich gelöst hatten, mussten gesichert werden. Die Teilchen wurden wieder korrekt platziert und befestigt, Hohlstellen mit Spezialmitteln hinterfüllt, rund 1.200 Dübel (Restbestände des Wärmedamm-Verbundsystems WDSV), die fest in der Fassade steckten, wurden vollständig entfernt. Risse, größer als 1 mm, wurden verklebt, offene Stellen mit einem besonderen Mörtel geschlossen. Dieser wurde vorher nuanciert getönt, sodass er sich in die farbige Oberfläche des Originals gut einfügte.

Eine besonders mühsame und unangenehme Aufgabe war das Entfernen von Graffiti im unteren Bereich des Bildes. Durch die Reinigung mit scharfen chemischen Mitteln gingen außerdem Bildelemente verloren. Sie mussten rekonstruiert und retuschiert werden. Sehr hilfreich erwiesen sich das Dokumenten-Archiv der Initiative, welches in den vergangenen rund 16 Jahren von den Aktivis­ten Christel und Hans-Joachim Schemel aufgebaut und seitdem betreut wird. In ihm befindet sich auch umfangreiches Foto-Mate­rial sowie Dokumente über die Geschichte des Wandbildes, darunter digitalisierte Aufnahmen der namhaften Berliner Fotografin Gabriele Senft. Sie ist seit fast 35 Jahren die Wandbild-Chronistin. Zur Dokumentation gehören auch ca. 80 ­Pause-Mattenrollen des vollständigen Giebelwandbildes im Maßstab 1 : 1. Sie wurden im September 2004 von den Fassadenkünstlern, Grafikern und Restauratoren Gerd Wulff und Max-Michael Holst angefertigt und gingen in den dauerhaften Besitz der Wandbild-Initiative über. Dank der Dokumentationen wird es für die Restauratorinnen Dunja Rütt und Anke Hirsch ab Frühjahr 2020 möglich sein, die Fehlstellen des Bildes aufzuarbeiten und alle Figuren originalgetreu zu rekonstruieren, um sie danach farblich zu retuschieren. Die Phase 2 wird im April 2020 beginnen und voraussichtlich im Juli abgeschlossen sein. Viele Bürger freuen sich schon jetzt auf den wunderbaren Moment.

Seit es die Bürgerkunstinitiative gibt (April 2004), entwickelten sich lebendige Beziehungen zur Grundschule am Wilhelmsberg und von dort zu den „Los Miguelitos“ nach Monimbó. Dieses Jahr spendete der Förderverein der Schule zum zweiten Mal Geld für das Kinder-Talente-Projekt (Hilfswerk) in Nicaragua. Es wird für den Kauf von Malsachen, Pinsel, Farben und Werkzeug für die traditionelle Holzbearbeitung benötigt. Geld und 70 Kinderzeichnungen aus der Schule zum Thema Frieden übergab C. Schemel persönlich vor Ort. Der Besuch in Managua erfolgte gleichzeitig zu den Feierlichkeiten der Sandinistischen Revolution vor 40 Jahren, willkommener Anlass für die Vertreter aus Berlin, um die wunderbare Botschaft über die Restaurierung des Nicaragua-Giebelwandgemäldes den Freunden und Partnern zu überbringen. Mit viel Freude empfingen sie die so sehr erwünschten Austauschexem­plare, Kopien des Nicaragua-Wandbildes. Denn, seit ihrer Einweihung im Kultur­palast in Managua und im Folklorezentrum in ­Monimbó im Juli 2010 haben die Kopien natürlich unter den Witterungsbedingungen stark gelitten. Jetzt konnten an den Bürgermeister und an die Kulturministerin neue Reproduktionen, gedruckt auf stabilerem Material, überreicht werden.

Die Bürgerkunstinitiative ist stolz auf die Zusammenarbeit mit namhaften Kunstwissenschaftlern und Publizisten. Genannt seien Prof. David Kunzle, emeritierter Professor an der UCLA in Los Angeles und der Berliner Kunstwissenschaftler M. A. Michael ­Nungesser. Letzterer war es auch, der im Auftrag des Landesdenkmalamtes ein kunstwissenschaftliches Gutachten erstellte. Es wurde wichtige Grundlage für die weitere Arbeit am Wandbildprojekt. Neu hinzu kommt die jüngste Bachelorarbeit der Studentin Lisa Kurze, Fachhochschule Potsdam, Studiengang Konservierung und Restaurierung, „Über die Nachhaltigkeit pudernder Malerei am Beispiel des Wandgemäldes ‚Nicaraguanisches Dorf – Monimbó 1978‘“. Lisa Kurze hat damit eine wichtige wissenschaftliche Studie vorgelegt. Sie selbst arbeitete bei der Konservierung, Phase 1, am Wandbild mit, entnahm Proben, untersuchte sie im Labor und dokumentierte die Ergebnisse.

„Mit einer bemalten Fläche von 255 qm zählt das Berliner Wandgemälde zu den größten und schönsten Wandbildern naiver Malerei in der Welt. Als Antikriegsbild ist es Zeugnis einer der kreativsten Kunstepochen der Wandmalerei in Lateinamerika, speziell in Nicaragua von 1979 bis 1992.“ (Zitat: Prof. Dr. David Kunzle)

M. K.

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