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Unspektakulär: Alltag im Osten | Diesseits der Sonnenallee: Zwei Treptower erzählen

Hier in Berlin, dem Umschlagplatz der mannigfachen Nationalitäten, kommt man gar nicht umhin, sich mit der Viefalt auseinanderzusetzen. Denn jedes Leben hat trotz der gleichen Bausteine seine ureigene, gewundene DNS. Der Bitte, rückblickend ihren Alltag in der DDR zu beschreiben, sind zwei nette und und in ihrer Art verschiedene Mitarbeiter des Kulturrings nachgekommen. Eva Ruschenski und Andreas Richter, beide fast gleichen Alters, sind über viele Jahre mit dem Haus des Kulturbunds Treptow in der Ernststraße verbunden.

Dagmar Gleim: Eva, würdest Du mal aus Deinem Erwachsenenleben einen Werktag schildern, der ein Muster darstellt. Wie lief der ab?
Eva Ruschenski: Ich bin frühmorgens aufgestanden, hab mich zurechtgemacht, bin arbeiten gegangen. Ich habe beim Fleischkombinat angefangen, später dann bei der Bahn gearbeitet. Nach Feierabend dann einkaufen, der Haushalt, abends häufig fernsehen.
DG: Wie war es mit Freizeit, Hobbys? Hattest Du einen Freundeskreis?
ER: In meiner Freizeit bin ich gern ins Kino gegangen oder habe getanzt. Auch das Theater hat mich interessiert. Mit vielen meiner Arbeitskolleginnen habe ich mich gut verstanden, als Freundin hatte ich eine einzige, Lydia hieß sie, sie ist aber leider schon tot.
DG: Viele von uns Westlern denken oft, im Osten wurden Leute häufig bespitzelt, dass sie selbst Freunden nicht trauen konnten, dass sie das Gefühl hatten, beobachtet zu werden? Wie war das bei Dir?
ER: Auf mich trifft das nicht zu. Eigentlich hatte ich ein unbeschwertes Leben, ohne ­Sorgen. Mein Alltag war ähnlich wie heute, nur dass man jetzt überall hinfahren kann.
DG: Hast Du alles das bekommen, was Du erwerben wolltest, gab es kein Anstehen?
ER: Was ich brauchte, habe ich bekommen. Klar gab es Schlangestehen, gab es nicht immer alles. Dafür wurde auch nicht soviel weggeschmissen wie heute. Im Grunde war ich zufrieden.
DG: Hattest Du denn nicht ein klein bisschen Sehnsucht nach der Ferne?
ER: Innerhalb der DDR konnte man ja reisen, wohin immer man wollte. Wenn du woandershin wolltest, nach Prag zum Beispiel, musste man über viele Jahre noch Papierkram beantragen. Das war mir zu aufwändig.
DG: Hättest Du nicht einmal kurz rüber in den Westen und dann wieder zurück reisen wollen?
ER: Mit neun Jahren war ich ja in Westdeutschland, bei Verwandten. Kurz darauf wurde die Grenze geschlossen. Ich bin genau am 13.8.61 wieder zurückgekommen. Obwohl mein Onkel versucht hat, uns im Westen zu behalten. Meine Mutter wäre über das Rote Kreuz rübergekommen. Wir hätten alle dort bleiben können. Aber meine Oma und mein Opa lebten im Osten. Und da wollte ich zurück.
DG: Und Du hast damit leben können, Dich hinter einer Mauer zu befinden.
ER: Es hat mich nicht gestört, ich fühlte mich nicht eingesperrt. Ich hab das alles mit Gleichmut genommen. Bis zur Grenzöffnung, da staunte ich dann schon und war froh, dass die Soldaten gar nicht wussten, was sie machen sollten und lieber beiseite gegangen sind.

DG: Andreas, weißt Du, was heute für ein Tag ist?
Andreas Richter: Ja, heute ist Montag, der 7. Oktober 2019.
DG: Beam Dich zurück ins Jahr 49, kurz nach dem Krieg.
AR: Du meinst die Gründung der DDR. Ja, 70 Jahre ist das her. Es war mir nicht mehr so bewusst.
DG: Hast Du Dein Leben eher gelassen geführt? Das wäre so meine Vermutung.
AR: Ja, ich war nicht so politisch aktiv, als dass ich mit dem Staat in Konfrontationen geraten wäre. Ich hatte einen ganz normalen Alltag. Ich habe die Polytechnische Oberschule besucht und nach der 10. Klasse abgeschlossen. Ich wollte mich auf meinen Beruf konzentrieren. Und meine Erfahrungen in der DDR waren folgendermaßen: Wenn man ein unaufgeregtes, Du würdest vielleicht sagen, angepasstes Leben geführt hat, dann ist es nicht zu Konflikten gekommen.
DG: Es gab demnach keine Sehnsucht nach anderen Ländern.
AR: Da muss ich widersprechen, die Möglichkeiten, die die DDR angeboten hat, habe ich voll ausgeschöpft. Ich habe regelmäßig die Tschechoslowakei besucht und Ungarn. Ich war mehrmals in Rumänien und Bulgarien. Ich habe damals sogar die Sowjetunion besucht und in Georgien Urlaub am Schwarzen Meer gemacht. Ich wäre sicher auch gern einmal in den Westen gegangen, aber nicht allein, um den schönen Tiergarten zu besichtigen, sondern um Vergleiche anstellen zu können.
DG: Wir gehören einer Generation an, wir alle drei waren in den Siebzigern Teenager. Gab es so etwas wie Renitenz den Eltern gegenüber oder anderen Autoritäten?
AR: Ich denke, das ist ein generationsübergreifender Entwicklungsprozess, den alle Jugendlichen durchmachen. Meine Mutter wollte z. B. die langen Haare nicht, aber ich habe die weiter getragen.
ER: Meine Mutter mochte meine langen Haare auch nicht. Dabei fand ich die super.
DG: Wie war es denn mit Drogen?
AR und ER: Nein, im Osten gab es außer dem Alkohol keine Drogen.
DG: Wurde viel Alkohol konsumiert?
ER: Die Frage muss jeder für sich beantworten. Aus heutiger Sicht war es bei mir zu viel.
AR: Es gab genug Alkohol zu kaufen. Bier, Korn, Weine, Spirituosen aller Art. Aber es gab auch null Toleranz bei Alkohol am Steuer, null komma null Promille.
DG: Nüchtern gefragt, ein anderes Feld: Gab es Vorteile, wenn man die Ehe schloss?
AR: Es gab ab den Siebzigerjahren zum Start einen zinslosen Ehekredit als staatliche Förderung, die Rückzahlung wurde bei der Geburt von Kindern stufenweise erlassen. Aber eine Wohnung hat man auch nicht eher bekommen.
ER: Ich war sogar dreimal verheiratet. Das ganze Prozedere war nicht so schwierig und teuer wie heute.
AR: Auch ich habe zweimal geheiratet.
DG: Bei Euch war die Freikörperkultur weit verbreitet. Wart Ihr auch sexuell freier als der Westen?
ER: Meist gab es einen Nacktbadestrand auf der einen Seite, und auf der anderen Seite war der textile Badestrand. Das hat niemanden aus der Ruhe gebracht. Auch sonst waren die meisten Frauen weder prüde noch verklemmt. Wir wollten das Leben schon genießen. Und den Genuss mit den Partnern teilen.
DG: Das nenne ich zum einen echt frei, und dennoch: Ist es richtig, dass Frauen emanzipiert waren und trotzdem den Haushalt machen mussten?
ER: Mein Mann hat mitgemacht.
AR: Auch das ist eine Frage der Generationen. Meine Großeltern hatten eine klare Aufteilung, er ging zur Arbeit, sie blieb zu Hause. Ich muss aber noch erwähnen, dass die Frauen für die gleiche Arbeit das gleiche Geld bekommen haben wie der Mann.
DG: Eva, Andreas, ich danke Euch für Eure offenen Worte.

 

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