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Kunsthandel und Kunstraub in der DDR | Das empfehlenswerte Buch zum Themenmonat 30 Jahre Mauerfall

Foto: Alexander Schalck-Golodkowski Bundesarchiv, Bild 183-1988-0317-312 Brüggmann, Eva CC-BY-SA 3.0

Unter den mittlerweile zahlreichen Neuveröffentlichungen im Gedenkjahr zu „30 Jahre Mauerfall und friedliche Revolution in der DDR“ sticht ein Buch zum Kunsthandel und Kunstraub in der DDR des Journalisten und Kenners der DDR-Geschichte Klaus Behling besonders hervor. In jahrelanger, akribischer Recherchearbeit ist es dem Autor gelungen, das ambivalente und oft widersprüchliche Verhältnis der DDR-Führung und ihren Umgang mit Kunst- und Kulturgütern als eigentlich schützenswertes kulturelles Gedächtnis des Volkes an vielen Fallbeispielen spannend und faktenreich darzustellen. Der Autor hat seine Arbeit in drei große Abschnitte unterteilt, in denen er aufzeigt, wie die offizielle Kulturpolitik der DDR, das Ministerium für Außenhandel und der vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) kontrollierte Bereich „Kommerzielle Koordinierung“ sowie private und staatliche Sammler und Museen mit der Tatsache umgingen, dass antiquarische Kunst- und Kulturgüter, wie schon immer in der Geschichte, auch eine Ware gewesen sind und mit denen sich dank einer nationalen und internationalen Nachfrage auch Geld und harte Devisen verdienen ließ und lässt.

So erinnert Bettina Klamm in ihrem einleitenden Essay, dass der Handel mit wertvollem Kunst- und Kulturgut aus dem kleineren und ärmeren deutschen Staat kein Handel zum gegenseitigen Vorteil gewesen ist, sondern ein Ausverkauf, dem oft mit krimineller Energie praktizierte Raubzüge privaten und staatlichen Charakters vorausgingen. So entstand schon unmittelbar nach Kriegsende 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der späteren DDR das bis heute nicht abgeschlossene Thema der Restitution von Beutekunst und ihrer oft unklaren Herkunft. Wie das MfS selbst zum Jäger verlorener Kunstschätze in der DDR wurde, zeigt der Autor beispielhaft an der Suche nach dem legendären Bernsteinzimmer und den Kunstschätzen Hermann Görings in den Trümmern seines Refugiums „Carinhall“ in der Schorfheide. Nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 und dem Verlust des „bürgerlichen Charakters“ der DDR-Gesellschaft verändert sich auch das Verhältnis der „neuen, sozialistischen Gesellschaft“ zur Eigentumsfrage und zur Wertschätzung von erhaltenswertem wertvollen Kunst- und Kulturgut radikal, wie der Autor dann an vielen Beispielen zeigen kann. Dies war einer von vielen anderen Faktoren, die den privaten und staatlich organisierten Kunst- und Kulturraub in der DDR über dessen offizielles Ende hinaus beförderten und erleichterten. Am Beispiel von Siegfried Kath und seiner interessanten, geschäftstüchtigen deutsch-deutschen Biographie zeigt der Autor exemplarisch, wie man auch in der DDR mit dem internationalen Handel von Antiquitäten zum Millionär werden konnte. Sein Geschäft „Antiquitätenhandel Pirna“ wird dann nach der offiziellen Gründung der „Kunst und Antiquitäten GmbH“ 1973 in dieser auch ein Stammbetrieb, nachdem die DDR-Führung den Devisenhandel mit Kunst- und Kulturgütern sowie Antiquitäten zur Chefsache innerhalb des Bereiches „Kommerzielle Koordinierung“ gemacht hatte. Es gelingt dem Autor, anhand vieler Fallbeispiele aus dem heute vergessenen ersten parlamentarischen „Schalck-Untersuchungsausschuss“ 1991-94 zu beweisen, wie das System im halblegalen Umfeld der „Kunst und Antiquitäten GmbH“ wirklich funktionierte und welche perfiden Mittel und Methoden die von der Stasi gesteuerten Mitarbeiter anwandten, um den Bedarf und die Nachfrage der Ankäufer und Hehler im kapitalistischen Ausland nach dem antiquarischen „Tafelsilber“ aus der DDR zu befriedigen. Die besagte GmbH bewegte sich dann auch rechtlich im Graubereich, denn die DDR war mit dem Beitritt zur UNESCO 1972 auch der „Konvention über Maßnahmen zum Verbot und zur Verhütung der unzulässigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut“ vom 17.11.1970 beigetreten. Darüber hinaus verabschiedete die Volkskammer der DDR am 3. Juli 1980 auch das „Gesetz zum Schutze des Kulturgutes der DDR“ (Kulturgutschutzgesetz - KGSG). Klaus Behling zeigt sehr interessant an Hand von ausgewählten Fallbeispielen, wie sich das Kulturgutschutzgesetz und seine Ausführungsbestimmungen zum Nachteil vieler privater Sammler von Kunst und Antiquitäten in der DDR auswirkte. Denn diese waren jetzt nach § 6 des KGSG verpflichtet, „besonders wertvolle Einzelstücke sowie Sammlungen von Kulturgut, die nationale oder internationale Bedeutung haben“ bei den Räten der Kreise, Abteilung Kultur, anzumelden. Über fingierte Steuer- und Zollvergehen gelangte die von der Stasi kontrollierte „Kunst und Antiquitäten GmbH“ nun in den Besitz beschlagnahmter Sammlungen sowie der Staat in den Besitz von beweglichem und unbeweglichem Vermögen der Geschädigten. Behling zeigt darüber hinaus beispielhaft den Spagat vieler Leiter und Direktoren staatlicher und lokaler Museen in der DDR, deren Schätze aus dem musealen Lager-Fundus nun in das Visier der GmbH-Ankäufer gerieten, und wie der Kampf um den Erhalt der volkseigenen Kulturgüter nun auch auf höchster Ebene geführt wurde. Dass unter dem Motto „Devisennot kennt kein Gebot“ auch professionelle und andere Kriminelle bei der Ausplünderung der DDR über deren Ende hinaus unter dem Rechtsmantel der Treuhand-GmbH ihr Werk fortsetzten, gehört bis heute zu den unbekannten und verdrängten Fakten im Prozess der deutschen Einheit, die der Autor dankenswerterweise mit akribischer Detail- und Recherchearbeit und spannend geschrieben dem allgemeinen Vergessen entrissen hat.

Auch der Kulturring in Berlin e.V. will im Themenmonat 30 Jahre nach dem Mauerfall die Gelegenheit nutzen, um mit dem Projektpartner Osteuropa-Zentrum Berlin die Aktivitäten der „Kunst und Antiquitäten GmbH“ im Bereich „Kommerzielle Koordinierung“ im Detail zu beleuchten. Alle an der Geschichte des Umganges der DDR mit Kunst- und Kulturgegenständen im Graubereich der Devisenbeschaffung Interessierten sind dazu am 11. November 2019 zu einem faktenreichen Vortrag von Hanno Schult im Stasi-Museum in Berlin-Lichtenberg herzlich eingeladen.

Das Buch „Auf den Spuren der Alten Meister, Kunsthandel und Kunstraub in der DDR“ von Klaus Behling ist in erster Auflage 2018 im Verlag Bild und ­Heimat erschienen, gebunden 560 Seiten mit umfangreichem Quellenverzeichnis und Bildnachweisen zum Preis von 19,99 Euro, ISBN: 978-3959581646.

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