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Heimatkunde

war für mich in den ersten Jahren ein Schulfach. Wir hatten einen sehr alten Lehrer, der mit uns gern in die Natur ging. Er vermittelte uns sehr plastisch, wie schön und auch zerbrechlich unsere unmittelbare Umgebung ist. Wir lernten einiges über die Geschichte des Ortes, über seine Menschen, über Landwirtschaft und industrielle Entwicklung. Neben der Schule befand sich die Kirche des Ortes. Und wir erfuhren die spannende Geschichte vom Pfeil in der Turmspitze, an die ich mich noch heute erinnere. Unter den siegreichen Truppen aus der Völkerschlacht bei Leipzig gegen Napoleon befand sich auch eine Abteilung Baschkiren. Ein Bogenschütze wettete mit dem Prinzen aus dem Rudolstädter Fürstenhaus, dass er den Turm aus 100 Meter Erntfernung träfe. Der Pfeil ist noch heute zu bewundern, und wir hatten sehr anschaulich etwas über die Völkerschlacht erfahren. So lernten wir, unsere Heimat zu erkunden. Mitunter werden Menschen, die sich mit ihrer Heimat beschäftigen, heute belächelt. Martin Walser beginnt in einem Essay 1967 kritisch: „Wenn es sich um Heimat handelt, wird man leicht bedenkenlos. …Heimat, das ist sicher der schönste Name für Zurückgebliebenheit.“ Und doch entdeckt Walser eine wertvolle Substanz in der Zurückgebliebenheit, äußert sich respektvoll, ja sogar mit Hochachtung. Es ist wohl wahr, dass es nicht nur folkloristische, nostalgische Sichten in Bezug auf Heimat gibt. Schon immer wurde auch versucht, Ideologisches und Politisches damit zu verbinden, um genau das zielgerichteter zu verbreiten. All dies vor Augen, waren Heimatstuben und Traditionspflege in mancher Menschen Augen nichts Modernes. Heimatkunde verschwand aus den Lehrplänen oder wurde anderswo versteckt und häufig vergessen. Von den Menschen wurde immer mehr Mobilität erwartet, da ist Wechsel angesagt, keine lebenslange Heimatverbundenheit. Der Kulturbund indes hat sich schon immer als ein Ort präsentiert, in dem Natur und Heimat viele zusammenführte, denen die Erforschung und die Pflege des Erbes überall wichtig war. Und auch in der heutigen Zeit sehen wir – gerade angesichts globaler Herausforderungen – die Pflege von Traditionen als ein identitätsstiftendes Element. Für viele, die in eine neue Heimat kommen, ist eine Gemeinschaft wichtig, die nicht ausgrenzend, sondern bereichernd ist. Zum Glück beschäftigen sich auch viele junge Menschen mit ihrer Heimat, widmen sich in zahlreichen Vereinen mit viel Engagement und Herzblut einer meist ehrenamtlichen Arbeit, wie wir in diesem Heft am Beispiel des Treffens der Trachtenvereine im Spreewald lesen können. Aus Neugier geboren, entsteht oft Freude und ein Gefühl von Verbundenheit und Gemeinschaft. Eine Umarmung ist Heimatkunde.

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