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Shifting Walls

Foto: Uwe Lauterkorn

Für den zweiten Novemberdienstag hatten der Kulturring-Geschäftsführer Armin Hottmann und sein Team neben Berlinern auch Gäste aus Europa in das Studio im Sony Center eingeladen, um ihr neues EU-Projekt Shifting Walls vorzustellen und offiziell zu starten. Angereist waren die MitarbeiterInnen der Partnerorganisationen aus Litauen, Spanien, Griechenland, Bulgarien und Berlin, darunter von zwei Universitäten und vier sozialen und kulturellen Einrichtungen.

Jurek Sehrt von der Deutschen Kinemathek hieß alle herzlich willkommen und stellte das Haus vor. Die Kinemathek sammelt und konserviert Filme und betreibt das Museum für Film und Fernsehen. Darüberhinaus widmet sie sich der Vermittlung von Filmwissen und Medienkompetenz, wofür sie verschiedene Lehrprogramme für Kinder, Jugendliche und Erwachsene anbietet. Auch mit Fotografie wird gearbeitet. Gerade zeigte die Deutsche Kinemathek eine Ausstellung, die den Fall der Berliner Mauer aus persönlicher Perspektive darstellte und die Besucher nacherleben ließ. Shifting Walls passt gut zum inhaltlichen Programm der Kinemathek, und der Kontakt zu Armin Hottmann ist so hervorragend, dass man gerne bereit war, den Kulturring mit seinem neuen Projekt in den zentral gelegenen und gut ausgestatteten Räumen zu empfangen. Jurek stellte die Website www.wir-waren-so-frei.de mit einem umfangreichen Bildarchiv zum Thema „Momentaufnahmen 1989/1990“ vor. Dort sieht man auch die riesige Brachfläche am Potsdamer Platz, an die sich heute, dreißig Jahre später, kaum noch jemand erinnert. Die Fotos stehen unter der Creative Common License und können frei, zum Beispiel für Unterrichtszwecke, verwendet werden.

Armin Hottmann stellte das Shifting Walls Team vor und erläuterte das umfangreiche Programm für den Tag. Im ersten Teil vormittags sollte ein Fotoworkshop um den Potsdamer Platz stattfinden, bei dem erste Schritte in Richtung Gruppenarbeit zum Thema Geschichte und Mauer(n) unternommen werden. Im zweiten Teil am Nachmittag sollte die öffentliche Präsentation des Projektes Shifting Walls stattfinden, Eindrücke und Erlebnisse könnten dann reflektiert werden, und damit sollte dieses EU-Projekt, das vom Kulturring koordiniert wird, ganz offiziell starten.

Vier kleine Arbeitsgruppen wurden gebildet, und Thomas Zandegiacomo, Lehrbeauftragter der Kinemathek, gab zum „Warmlaufen“ eine historische Führung um den Potsdamer Platz. Danach zogen die Gruppen los: man lernte sich kennen, erkundete die Gegend auf der Suche nach Geschichte, nach Resten, nach persönlichen Erinnerungen in Zusammenhang mit dem Mauerfall, um sich dann zusammenzusetzen und aus dem gefundenen Material Themen abzuleiten und Plakate zu gestalten, die in der großen Runde vorgestellt werden sollten.
Die Zeit verging wie im Flug. Zurück im  Studio wurde an Tischen mit ­Scheren, Klebe- und Filzstiften emsig gearbeitet, während Jurek Sehrt in den oberen Etagen des Sony Centers die per E-Mail übersandten Fotos ausdruckte und in mehreren Tranchen den schwitzenden „RedakteurInnen“ an die Tische brachte. Dann die Vorstellungen der Gruppen: verschiedenste Themen und Geschichten waren auf großen Plakaten visualisiert. Hier einige Stichworte: Barrieren, Wachtürme, Hinaufgehen mit und ohne Erlaubnis, Besetzung des „Lenné-Dreiecks“ 1988, Großbaustellen am Potsdamer Platz, die aus Seen mit Booten und Tauchern bestanden, Trennung durch die Mauer und Nachbarschaft nach ihrem Wegfall von Preußischem Landtag auf der einen und Martin-Gropius-Bau auf der anderen Seite der Niederkirchnerstraße.

Nach der (notwendigen!) Mittagspause startete die Kickoff-Veranstaltung, zu der sich noch mehr Gäste einfanden, der Raum füllte sich nun komplett. Darunter Hannelore Sigbjoernsen aus dem Vorstand, Dominique Fritzsche und das Team der Fotogalerie Friedrichshain. Armin Hottmann erzählte die Geschichte von Shifting Walls, die von Anfang an mit dem Jubiläum des Falls der Mauer verknüpft war. Das Projekt soll ­junge Menschen ansprechen und für die Themen „Europäische Geschichte“ und „Mauern“ sensi­bilisieren, um sie in die Lage zu versetzen, einen eigenen fundierten Standpunkt zu finden. Arbeitsweisen sollen während des Projektes entstehen, weitergegeben und anderen zur Verfügung gestellt werden. Fotografie und Video dienen als Medien der Darstellung, und Instagram wird die zentrale Plattform sein, auf der die persönlichen Geschichten der Projektgruppen in den verschiedenen Ländern geteilt werden.

Robin Bangel, Schulsozialarbeiter für das Pestalozzi-Fröbel-Haus, zeigte als weitere Inspirationsquelle Fotos aus der Zeit des Mauerfalls mit einem „echten analogen“ Diaprojektor. Er machte damals über 2.000 Aufnahmen mit seiner Spiegelreflexkamera. Wir sahen spannende Bilder von der Maueröffnung, von Menschen auf der Mauer, zum Beispiel einer, der sie mit einem Trennschneider bearbeitete, sodass die Funken sprühten. Fliegende Händler verkauften vor Ort Hammer, damit sogenannte „Mauerspechte“ auch spontan Erinnerungsstücke aus dem bröckelnden Symbol der Unfreiheit schlagen konnten.

Milda von Kūrybinės jungtys („Kreative Verbindungen“) in Vilnius erzählte rückblickend vom Fotoworkshop des Vormittags und der Suche nach Zeichen und Überresten aus der Mauerzeit. Es war wie eine Reise in die Vergangenheit. Sie stellte noch einmal alle Plakate vor, die am Vormittag entstanden waren. Sie mögen als Inspirationsquellen für die weiteren Shifting Walls-Workshops in den verschiedenen Ländern dienen. Susanna von der Universität Valladolid fasste anhand einer detaillierten Mindmap, die die ­Gruppe gestern erstellte, abschließend die vielen Themen, Aspekte und Möglichkeiten, die in Shifting Walls zusammen kommen und genutzt werden können, zusammen.

Inzwischen war es dunkel geworden, und nach einem intensiven und erkenntnisreichen Tag entließ ein dankbarer Armin Hottmann die ProjektteilnehmerInnen und Gäste mit guten Wünschen für ihre Heimreise und die weitere Arbeit in den nun anbrechenden Abend.

www.shiftingwalls.eu
instagram: #shiftingwalls_eu

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