Kulturnews

Nosferatu – der Schrecken nach dem Schrecken

Foto: Underwood & Underwood, F. W. Murnau circa 1920-1930

Langsam schleicht sich der Schatten an der schockstarren Frau empor, über den Bauch, ihre Brust, bis hinauf zu ihrer Kehle tasten sich die dürren Finger. Sie wendet sich ab, entrinnen kann sie nicht. Blut ist das teure Gut, das der übermächtige Vampir ihr entnehmen möchte. Ein Zitat, aus einem Film, der sich richtungsweisend auf das ganze Horror-Genre auswirkte: „Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens“. Er entstand 1922 in den Johannisthaler Filmanstalten, kurz Jofa, in Berlin. Vor hundert Jahren wurden diese gegründet. Damals, als das Medium Film noch jung war, hat man an diesem Ort Flugzeughallen als Filmateliers genutzt. Der Krieg war verloren, und Deutschland durfte keine Flugzeuge mehr bauen. So entstand hier eben Filmkunst. Auch der Film „Der Hauptmann von Köpenick“ wurde hier produziert.

Gerade drei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg ist „Nosferatu“ abgedreht worden, was möglicherweise für Verständnis und Lesart von Bedeutung sein könnte. Die Jofa wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von der der DEFA übernommen. Die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts erlebte zwei Weltkriege mit verheerenden Konsequenzen und unsagbarem Leid. Man könnte meinen, das sei Greuel genug gewesen. Was also ist nach wie vor so faszinierend an den Horrorgestalten, den Grenzgängern zwischen Leben und Tod? Am Blutrausch, der gefahrenvollen Dunkelheit und der Verwesung?

Wilhelm Murnau brachte den Film im frühen 20. Jahrhundert mit Max Schreck als glaubhaften Darsteller des Schattenwesens zur Ausstrahlung. Gesichert ist der Stellenwert des Schockers als erste Dracula-Verfilmung, allerdings nicht als erste kinematographische Darstellung eines Vampirs. Eines Blutsaugers mit den spitzen Zähnen und langen Klauen, der sich eng orientiert an dem Roman „Dracula“ von Abraham Stoker. Ein Umstand, der dem Regisseur beinahe zum Verhängnis wurde. Albin Grau, der Produzent, hatte vergessen, die Filmrechte der Romanvorlage einzuholen. Dass der Gruselklassiker heute noch erhalten ist, verdanken die Fans den ausländischen Kopien. Ab 1981 wurde Nosferatu erstmals rekonstruiert und restauriert. Als Grundlage dienten ausländische Schnittversionen.

Vampire verbreiten seit dem Altertum Schrecken. Doch wo liegen die Wurzeln dieser schaurigen Figuren? Warum flößen sie uns seit Jahrhunderten so viel Furcht ein? Der bekannteste Vampir, der blutrünstige Graf aus Transsylvanien, wie konnte diese Kunstfigur, dieses fiktionale Wesen glauben machen, dass es tatsächlich existierte? Heute muten die Phantasien über heimliche Blutsauger und Untote, die nachts aus ihren Gräbern steigen und die Lebenden heimsuchen, eher seltsam an. Für die damalige Zeit ist gewiss, dass die filmische Darbietung bei den meisten Rezipienten viel Eindruck hinterließ. Der Film, der nicht zuletzt wegen der Naturaufnahmen als „Stimmung schaffende Elemente“ zu Ruhm gelangt ist, ist schnell erzählt.
Der Sekretär eines Maklers in Wisborg wird eines Tages von seinem Chef auf eine Dienstreise nach Transsilvanien geschickt, um mit einem Interessenten über den Kauf eines Hauses zu verhandeln. Seine Frau Ellen ahnt nichts Gutes, denn sie spürt die Gefahr. Erst in der Nacht begegnet ihm der seltsame Schlossherr, und dieser unterzeichnet den Vertrag. Als er am nächsten Morgen im Schloss erwacht, entdeckt er kleine rote Male an seinem Hals und ahnt, welchem Grauen er gegenübersteht. Gerade die subtile Art und Weise, auf welche der Film seine unheimliche Atmosphäre aufbaut, lässt sich noch heute in vielen Horrorfilmen wiederfinden.

Das Unheil, gleich welcher Art, zieht nicht nur Ängste nach sich. Die Beschäftigung mit Angst hervorrufenden Erlebnissen lässt so Manchen kreativ werden und Kunst schaffen. Die expressionistischen Maler Dix und Grosz seien hier genannt. Sie haben den Krieg mit Pinsel und Öl verarbeitet. Auch von Beckmann ist die Äußerung bekannt, dass ihn die Toten des Nachts besuchen kämen. So erging es wohl auch dem Produzenten Grau, der bekannte, dass Nosferatu für ihn eine Hilfe gewesen sei, um zu begreifen, was hinter diesem ungeheuren Geschehnis des Ersten Weltkrieges lag, das „daherbrauste wie ein kosmischer Vampir“.

Zu sehen ist der Film „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ am 3. Dezember,
19.00 Uhr, im Kulturbund Treptow, Ernststraße 14/16, er wird live am Klavier begleitet von Jack Day.

Archiv