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Einer neuen Zeit Beginn | Ein Vierteljahrhundert Kulturring – Wir erinnern uns

Foto: P. Lorenz, Prof. Dr. Siegfried Streller, erster Vorsitzender des Kulturrings

„… einer neuen Zeit Beginn“ das waren die Anfänge des Kulturbunds, die demokratische Erneuerung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg stand auf der Tagesordnung, einen kulturellen Umbruch ganz grundlegender Art sollte von 1945 bis 1949 dieses Land erfassen. Hiefür gründete sich der Kulturbund, hatte seine Wurzeln unter anderem bei exilierten und wieder zurückgekehrten Intellektuellen, die zuvor schon am 1. März 1939 in London den Freien Deutschen Kultur­bund (Free ­German League of Culture) gegründet hatten. Über die Jahre in der DDR hinweg wurde aus dem Kulturbund eine Organisation mit Tradition. Er vereinte Intellektuelle und Geistesgrößen mit ­kulturell Interessierten und Kultur­schaffenden aller Couleur. In ihm fanden Literaten und Künstler ihren Platz, bekamen – zu oft erst nach zähem Ringen – Freiräume und Diskussionsforen, die sonst zum geistigen Überleben fehlten. Sicher waren es nur Nischen, dienten den Regierenden als Alibi. Genauso fand sich aber im Kulturbund auch Platz für ­Hobbys und Freizeitbeschäftigung auf den verschiedensten Interessensgebieten, von den Numismatikern, den Philatelisten, über die Esperantisten, die Denkmalpfleger bis zu den Amateurfotografen, den Heimatfreunden und den Natur- und Umweltschützern. Breiter konnte das Angebot nicht sein. Und besser kontrollierbar war das Ganze natürlich für die Oberen, die auf diese Weise glaubten, auch hier alles im Griff zu haben. Der Kulturbund reihte sich ein in die sogenannte Nationale Front, war mit eigenen Abgeordneten in der Volkskammer vertreten und damit staatstragend. Und es war folgerichtig, dass nach 1990 alles anders wurde. Als eingetragener Verein reihte sich der Kulturbund nun ein in die freie Kulturszene, begann intern mit einer kritischen Aufarbeitung der DDR-Zeit und strebte danach, Bewahrenswertes im Interesse seiner Mitglieder in die neue Zeit zu führen. In dieser Zeit nach der deutschen Vereinigung kommt auch die Gründung des Kulturrings in Berlin e. V. ins Spiel, der sich ab 1994 zum Berliner Landesverband des Kultubunds entwickelte und die Kulturbundarbeit in der Hauptstadt mit eigenen, neuen Akzenten weiterführte. In diesem Jahr der Jubiläen feiert er seinen 25. Geburtstag. Sein heutiger Geschäftsführer Armin Hottmann lud zum Gespräch ein und wollte von Zeitzeugen mehr wissen über diese spannende Geschichte. ­Hannelore ­Sigbjoernsen und Lutz Wunder als Gründungsmitglieder sowie der Autor dieser Zeilen als Projektkoordinator zu jener Zeit und später Geschäftsführer kamen ins Erzählen.

Armin Hottmann: Wie kamst Du, liebe Hannelore, zum Kulturring, und was hat das Ganze mit dem Kulturbund zu tun?

Hannelore Sigbjoernsen: Mein Engagement für den Kulturring rührt aus uralter Verbundenheit zum Kulturbund „zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“, wie er damals hieß (und m. E. durchaus wieder heißen könnte). Meine Mutter war dort Mitglied. Meine älteste Freundin, die DDR-weit bekannte Schauspielerin Marga Legal (Tochter des berühmten Ernst Legal), ebenfalls. Ich bin noch im Besitz ihres Mitgliedsausweises. Horst Schillat, mein Vorgänger als Vorsitzender der Kreisorganisation Prenzlauer Berg, ein liebens- und bewundernswerter Mensch, passionierter Guppyzüchter, hielt die unterschiedlichsten Fach- und Interessengruppen in der Kreisorganisation Prenzlauer Berg beieinander. Unsere Mitgliederversammlungen waren mehr Feste des Beisammenseins als Protokollveranstaltungen.

A.H.: Wie hast Du dort die Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs in der DDR erlebt?

H.S.: In unserer AG (Arbeitsgemeinschaft Kunst und Literatur) hatten wir völlig freie Hand, luden ein, wen wir wollten und wer uns in den 1980er Jahren über die offiziellen Gedankengrenzen hinüber half. Zu unserer „jour fixe“-Reihe, Gesprächsabende zu aktuellen Themen, kamen oft mehr Gäste als wir Stühle hatten. Am 4. November 1989 war unsere Gruppe auf dem Alexander­platz dabei. 1989/1990, ich war inzwischen Vorsitz­ende, kam von der Bezirksleitung des Kulturbundes in Berlin – seine Organisations- und Leitungsstrukturen entsprachen längst denen der SED-Staatspartei – die Order, die Kreisorganisationen abzuwickeln, ein Nach-Mauerfall-Begriff, und die Türen in der Prenzlauer Allee abzuschließen.

A.H.: Lutz, Du warst damals im Bundes­sekretariat angestellt, wie stellte sich die Situa­tion für die oberste Kulturbund-Leitung dar?

Lutz Wunder: Nach der Wiedervereinigung war der Kulturbund, wie andere Organisationen und Parteien der DDR, unter die Finanzverwaltung der Treuhand gestellt und wurde von einer sogenannten Unabhängigen Kommission bewertet. Die wollte feststellen, welches Vermögen des Kulturbunds der DDR rechtsstaatlich oder nicht rechtsstaatlich erworben wurde. Und rechtsstaatlich waren natürlich nur die Spenden und Mitgliedsbeiträge, alle anderen Vermögenswerte wurden nicht anerkannt und wurden dem Kulturbund entzogen. Das war die Ausgangssituation und führte dazu in Berlin – da gab es die Bezirksleitung Berlin mit den Kreisorganisationen und Mitgliedsgruppen – dass diese finanziell ausgeblutet waren. Und viele haben einfach zugemacht. So oder ähnlich geschah das in fast allen Bezirken und Kreisen der früheren DDR.

Ingo Knechtel: Ich war ursprünglich mit für die internationale Arbeit des Kulturbunds zuständig, doch die war nicht mehr möglich. Es ging darum, möglichst Vieles zu retten, und da wollten wir alle mithelfen. Wie wir jetzt wissen, arbeitete die Unabhängige Kommission bis 2006, aber schon damals war klar, dass man auf ein Ende dieser Bewertung nicht warten konnte. Man muss sich nur mal vorstellen, dass einmal wöchentlich eine Mitarbeiterin der Buchhaltung im Büro der Treuhand antanzen musste, um sämtliche Überweisungen mit den entsprechenden Belegen vorzulegen und gegenzeichnen sowie stempeln zu lassen. Eine solche Arbeit wäre heute undenkbar. Unsere ersten Projekte – noch als Kulturbund – wurden vom Senat unterstützt, auch finanziell. Und da gab es Situationen, als wir z. B. eine Mietkaution erbringen mussten, da wurde dies einfach nicht akzeptiert, und wir mussten uns in aller Eile mit einem Barscheck seitens des Berliner Senats helfen lassen. Das waren schon harte Zeiten.

A.H.: Doch irgendwie habt Ihr es doch geschafft weiterzumachen.

H.S.: Ja, wir in Prenzlauer Berg dachten nicht daran, einfach die Türen zu schließen. Was immer auf unsere Mitglieder zukommen würde – warum sollten sie nicht weiter ihrem Hobby nachgehen können? Warum sich nicht mehr in ihren Gruppen treffen, miteinander reden, sich über Freuden und Sorgen austauschen können – und dabei noch über Briefmarken, Münzen, Zinnfiguren u. a.m. fachsimpeln. Im Juni 1990 wurde der Beschluss gefasst, sich als Verein eintragen zu lassen. Zu dieser Entscheidung verhalf uns ein Vorstandsmitglied mit Erfahrungen aus Österreich. Am 14. August erfolgte beim Amtsgericht Mitte unter der Reg.-Nr. 1211 die Eintragung als „Kulturverein Prenzlauer Berg im Kulturbund“. Am 15. Juni 1992 waren wir dann mit der Eintragung im Vereinsregister beim Amtsgericht Charlottenburg unter der Reg.-Nr. 12296 mit dem Namen „Kulturverein Prenzlauer Berg e. V.“ im Heute angekommen.

L.W.: Ja, es gab ein paar, die haben sich als Vereine neu aufgestellt – der Kulturverein Prenzlauer Berg, der Lichtenberger Kulturverein und der Kulturbund Treptow (kein eigener Verein). Alle anderen Gruppen waren freischwebend. Die Mitglieder haben versucht, trotzdem einen Rahmen zu finden, wie man das miteinander verbinden kann, und da kam schon 1992/93 die Idee auf, einen neuen Verein zu gründen. Das wurde vom Bundessekretariat unterstützt, wir haben die Beratung der Interessenten koordiniert. Und es wurde dort auch erkannt, dass es fragwürdig ist, ob der Kulturbund jemals Förderungen wie in der DDR, also gesamtstaatlich, bekommen würde – deshalb musste ein neuer Verein gegründet werden.

A.H.: Wie ging es dann los? Wie hat man begonnen?

L.W.: Nachdem es im November 1993 zu einem Gründungsaufruf gekommen war, trafen sich die Gründungsmitglieder am 5. März 1994 in Lichtenberg, in den Räumen des Lichtenberger Kulturvereins in der Frankfurter Allee 285. Das war die Geburtsstunde des Kulturrings.

A.H: Und wie kam man auf den Namen ­„Kulturring in Berlin“?

L.W.: Für das Amtsgericht Charlottenburg war es nicht durchsichtig, wie der neue ­Verein vom alten noch vorhandenen und von der Treuhand verwalteten Kulturbund in Berlin zu trennen war. Da gab es auch noch versprengte Reste, zum Beispiel den Hochschulclub des Kulturbunds an der Humboldt-Uni und den Club Sieben Raben in Köpenick, die noch lebten. Deshalb wurde der Name „Kulturbund Berlin“ abgelehnt. Dann kam man auf die Idee „Berliner Kulturring“ als Vereinsname, auch das wurde abgelehnt, weil wir nicht in allen Bezirken bzw. in der Mehrzahl vertreten waren. Deshalb war dann der Ausweg „Kulturring in Berlin“. So ist ­meine Erinnerung.

I.K.: Dazu gab es auch noch Bemühungen, im traditionsreichen Club der Kulturschaffenden in der heutigen Jägerstraße 2-3, der wieder seinen alten Namen hervorholte und sich „Club von Berlin“ nannte, einen ­Kulturbund Berlin e. V. ins Leben zu rufen. Das Konstrukt in Gründung existierte allerdings nur eine kurze Zeit, war aber damals noch in Bearbeitung.

A.H.: Was waren die ersten Projekte?

L.W.: In der Trägerschaft des Kulturbunds, auf der Ebene des Bundessekretariats, wurden schon ab Ende 1990 Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durchgeführt. Da war ich selbst auch drin. Und da haben wir dort schon ein großes Projekt initiiert, das „Forum Neue Kultur“ für die einzelnen Bezirke. Es wurden dann Stück für Stück ab 1994/95 die laufenden ABM-Projekte in den Kulturring übernommen – praktisch vom Kulturbund zum Kulturring. Ich selbst habe dann später in Hellersdorf zu arbeiten begonnen, um dort die Kulturarbeit für den Verein ­aufzubauen – auch auf Einladung der damaligen Kultur­amtsleiterin. Schon ab März 1994 führten wir die ersten Veranstaltungen im Kulturforum Hellersdorf durch.

I.K.: Überall begannen wir sofort mit konkreten Vorhaben. Vom 13. bis 25. Juni 1994 veranstalteten wir Kulturtage im Polnischen Kulturzentrum in der Karl-Liebknecht-Straße. Der Kulturring stellte seine Projekte vor und lud ein zu zwei Berliner Kulturgesprächen. Titel des einen war: Landesehe ohne Mitgift? Zum Stellenwert der Kultur bei einer Länderfusion Berlin-Brandenburg – mit ­Berlins Kulturstaatssekretär Dr. Winfried Sühlo und Brandenburgs Kulturminister Hinrich Enderlein, und das andere lief zum Thema „Deutschland – fremde Heimat“ mit ausländischen Kulturarbeitern, die seit Jahrzehnten in Berlin leben. Am 1. Juli 1994 begannen die ersten drei eigenen ABM-Projekte mit insgesamt 28 Teilnehmern: Spuren jüdischen Lebens in Lichtenberg und Friedrichshain, Europas Künstler in Berlin und Seniorenaktion. Im Oktober folgten in ­Treptow die Projekte Weltenklänge, Meditatives Malen und Kulturhistorischer Stadtführer und im Dezember in Hellersdorf die Projekte Seniorenkultur und Geschichtswerkstatt. Also ein volles Programm. Alle waren erleichtert und voller Enthusiasmus.

A.H.: Und der hält bis heute an, was die gerade zu Ende gegangenen Veranstaltungen im Themenmonat zum Maufall-Jubiläum beweisen.

H.S.: Ja, ganz klar. Für mich bedeutet der Kulturring die Fortführung des originalen, 1945 von den Gründern des Kulturbundes unter Johannes R. Becher angedachten und geforderten Anspruchs auf Bildung und Entwicklung für alle – ohne Einschränkungen. Und dafür werden wir uns auch weiter mit voller Kraft engagieren.

 

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