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Alles braucht seine Zeit

Eisenhower im Oval Office 29.2.56 (Foto: Elton Lord)

Gedanken über „Zeitdiebe“, Zeit und Ziele sowie zeitliche Selbstorganisation im beruflichen und privaten Alltag

Eine der „neuen“ Volkskrankheiten unserer beschleunigten Leistungsgesellschaft ist unstrittig das weit verbreitete Burnout-Syndrom, von dem mittlerweise bis zu 40% der jungen Generation der zwischen Zwanzig- und Dreißigjährigen in Deutschland betroffen sind. Das belegen seriöse empirische psychologische Studien der letzten 10 Jahre. Ähnlich sieht es auch in anderen westeuropäischen Gesellschaften des postindustriellen Dienstleistungs- und Informationszeitalters aus. Woher kommt das Gefühl, dass wir nicht mehr die Zeit beherrschen, sondern ein permanenter Leistungs- und Zeitdruck uns? Wo könnten die Ursachen dafür liegen? Und sind dieses Gefühl und unsere Wahrnehmung der permanenten zeitlichen Beschleunigung und Überforderung wirklich nur ein Phänomen unserer Zeit?

Die evolutionäre Geschichte der zeitlichen Beschleunigung beginnt mit der industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich in Jahrhunderten gewachsene organische Bindungen der Menschen mit der Natur und dem engsten sozialen Umfeld – wie der Familie – zu lösen beginnen. Der nun herrschende Individualismus, eng verbunden mit dem Materialismus und einer rasanten Bevölkerungszunahme, und das Phänomen der beschleunigten Industriegesellschaft führten zum blinden Fortschrittsglauben des Bürgertums, der nirgends besser als im Ausspruch „Wir gehen immer mit der Zeit“ dann auch seinen prägnanten Ausdruck fand. Bis dahin wurde der Zeitrhythmus der agrarisch geprägten Gesellschaft, die noch fest verwurzelt war, vom Wechsel der Jahreszeiten und dem Fruchtwechsel auf den Feldern bestimmt. Und es ist sicherlich kein Phänomen der damaligen Zeit, dass Stadtflucht und das Leben der Städter in den Ballungszentren oft einherging mit der Sehnsucht nach der guten alten Zeit und der Entschleunigung im Prozess der gefühlten permanent leistungsorientierten Beschleunigung an den Fließbändern der industriellen Revolution. Und hat nicht ein jeder von uns schon die Erfahrung bei Auslandaufenthalten oder einem längeren Wohnortswechsel gemacht, die geprägt wurde durch das Gefühl, „dass hier die Uhren wirklich anders ticken“?

Der Vergleich ist hier besonders wichtig, denn das Zeitmanagement ist auch von kulturellen und sozialen Faktoren, aber immer und überall zuerst von Selbstorganisation und Disziplin des einzelnen abhängig. Dazu kommen, wie wir alle wissen, mentale und charakterliche Eigenschaften, die nicht unwesentlich unser Verhältnis zur Zeit bestimmen. Dass die Perfektionisten und „ewigen Jasager“ besonders unter dem Gefühl des Zeitdrucks leiden, leuchtet ein und ist natürlich auch kein Zufall. Es ist immer zuerst eine Frage des Willens und des Bewusstseins, unnütze „Zeitdiebe“ in unserem beruflichen und privaten Lebensalltag zu erkennen und sie nach Möglichkeit weitestgehend aus unserem Tagesablauf zu verbannen. Sonst erhalten sie eine unsichtbare Macht über uns und sind oft verbunden mit schmerzlichen psychologischen Konsequenzen. Es gibt zwei Faktoren der Motivation bei der Bewältigung von Aufgaben und Herausforderungen im beruflichen und privaten Alltag: Das ist zum einen die innere Motivation, die sich aus meiner persönlichen Anspruchshaltung ergibt und von mir selber kommt, und zum anderen die äußere Motivation, verursacht durch Faktoren und Rahmenbedingungen, auf die wir nur eingeschränkt Einfluss haben. Motivation setzt aber immer Zielsetzung voraus, denn zuallererst ist Arbeit auf ein Ziel ausgerichtet, das unserem Tagesablauf Struktur gibt, die wir benötigen, damit wir die begrenzte Zeit, die uns zur Verfügung steht, sinnvoll beherrschen.

Wir alle wissen, Zeitverlust ist unwiderruflich, und deshalb ist zeitliche Selbstorganisation stets auch ein Abwägungsprozess zwischen Agieren und Reagieren. Es ist immer in jedem Fall weniger schmerzhaft, Hammer als Amboss zu sein. Mit dem Amboss ist hier zuerst passives Zeitmanagement gemeint, mit den schmerzhaften Folgen von Stress, Depression, Frust, Unzufriedenheit, Gereiztheit, ständiger Anspannung, falscher Ernährung, Drogenkonsum und psychischen Krankheiten, und mit dem einem oder anderen dieser Geister ist ein jeder von uns schon einmal konfrontiert worden. So ist die Zielformulierung Grundlage für die kurzfristige Zeitplanung des nächsten Tages oder der Woche. Es ist nie verkehrt, den nächsten Tag zu planen, haben wir dazu noch einen Wochenplan, bekommt unser Tagesablauf eine Struktur, die wir benötigen, damit uns die Zeit, die wir oft gefühlt immer weniger haben, nicht davonläuft. So ist es sinnvoll, Zielkriterien nach dem SMART-Prinzip zu formulieren: Speziell für mich, messbar, attraktiv, rational und terminierbar. Es ist aber wenig sinnvoll, den ganzen Tagesablauf zu planen, maximal 50-60 % der Tageszeit, Pufferzeiten und variable Zeitfresser sind mit einzuplanen, so ersparen wir uns möglichen Ärger. Und Ärger ist immer zuallererst vergeudete Lebenszeit!

Die goldenen Regeln der Selbstorganisation sind Teil der Prioritätenmatrix, bei der Entscheidungen immer nach dem Wichtigkeitsprinzip getroffen werden sollten und nicht nach dem Dringlichkeitsprinzip. So vermeiden wir dann auch, dass uns feste, variable und nichtplanbare „Zeitdiebe“ über den Kopf wachsen. Denn Unordnung und Stress im beruflichen und privaten Alltag entstehen immer zuallererst durch aufgeschobene Entscheidungen und falsche Prioritätensetzung in der Zeitplanung! Deshalb ist es so wichtig, Prioritäten zu setzen im Rahmen der Zielerreichung und diese auch effektiv und effizient zu überprüfen. Dabei sollte der Zeit- und Arbeitsaufwand stets in einem angemessenen Verhältnis stehen. So entwickelte der frühere amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower das nach ihm benannte Prinzip des ABCD-Zeitmanagements, wo auf einer Prioritätenschiene zwischen wichtig und dringlich zwischen A und B als den Entscheidungsebenen zwischen sofortiger und späterer Entscheidung oder der C-D-Ebene als der Delegierungsebene mit dem wichtigen Papierkorb unterschieden wird. Scheunen wir uns nicht, nach Möglichkeit Arbeit und Aufgaben an andere zu delegieren.

Trennen wir uns also auch radikal von Zeitdieben, zu denen leider heute oft auch ein übermäßiger Medienkonsum und die falsche Anwendung von Kommunikationshilfsmitteln gehören. Unsere Lebenszeit ist leider nicht unendlich wie das Universum, auch darum sollten wir stets versuchen, das Beste aus „unserer Zeit“ zu machen, die sonst uneinholbar verloren ist. Für diese Einsicht kann es wohl nie zu spät sein.

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